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Rotenburg a. d. Fulda

Es geht nicht darum, unserem Leben Jahre, sondern unseren Jahren Leben hinzuzufügen.

Friedrich von Bodelschwingh

Eröffnung des Hospiztages am 02-02-2008 durch Klinikpfarrerin Dorothea Altmüller

Ansprache zum 10 Jährigen Jubiläum des Regionalen Hospizvereins am 02.02.2008

 

Liebe Festgemeinde!

Heute vor 10 Jahren hat sich der Regionale Hospizverein Rotenburg gegründet. Heute feiern wir dieses Jubiläum mit einem Hospiztag.

Im Vordergrund steht der Wunsch, einer großen Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen – einer Dankbarkeit , die Rückschau hält auf eine Zeitspanne von 10 Jahren, geprägt von ständiger Entwicklung bis auf den heutigen Tag.

„Wir feiern das Leben und gehen gemeinsam die Wege, die vor uns liegen“ unter diesem Motto steht die Arbeit des Hospizvereins und somit auch der heutige Hospiztag.

Als Klinikseelsorgerin habe ich die Anfänge des Hospizvereins in unserem Krankenhaus miterlebt und an manchen Stellen auch begleitet. In meiner persönlichen Rückschau möchte ich den Focus auf die schrittweise Enttabuisierung des Themas Tod und Sterben in unserer sogenannten Spassgesellschaft legen.

Vor 10 Jahren noch beschäftigten sich nur Wenige mit diesem Thema, und gleichzeitig begegnet uns im Krankenhaus der Tod immer wieder.

Natürlich feiern wir lieber unsere Heilerfolge, als dass wir dem Tod sein Recht geben.

Natürlich ergehen wir uns lieber in Geschäftigkeit und sind versucht, lieber auch noch dies oder jenes anzuwenden als unser aller Endlichkeit durch das Sterben vor Augen geführt zu bekommen.

Natürlich sind wir lieber die Macher und Gestalter als solche, die sich dem unergründlichen Tun unseres Schöpfers hingeben und letztlich sprechen: Dein Wille geschehe.

Und dennoch beobachte ich rückblickend, dass durch die Arbeit von Hospizvereinen das Thema Tod und Sterben in der Gesellschaft einen anderen – ich meine – einen positiven Stellenwert bekommen hat.

Natürlich gibt es immer noch, wie Umfragen belegen, viele Menschen in unserer Gesellschaft, die auf unser Nachbarland Holland verweisen, indem sie das dort bereits legalisierte Töten auf Verlangen als Aktive Sterbehilfe auch für unsere Gesellschaft fordern, oder insbesondere für sich selbst, wenn der Todesprozess einsetzt – in Anspruch nehmen wollen.

Hinterfragt man diese Haltung, so kristallisiert sich die Angst heraus, qualvoll leiden und unter großen Schmerzen sterben zu müssen – und die Sorge von einer unüberschaubaren Gerätemedizin abhängig zu werden.

Auch die Angst vor einem langen Leidensprozess und vor dem Abschiednehmen Müssen. Die Angst vor einem auch für die Seele sehr schmerzhaftem Weg.

Gleichzeitig lassen sich mittlerweile körperliche Schmerzen beim Sterbeprozess wirkungsvoll mit Medikamenten lindern. Und um eine derartige Schmerzbekämpfung zu ermöglichen, ist in Deutschland die so genannte indirekte Sterbehilfe erlaubt. Das heißt: Es ist erlaubt, Sterbenden Medikamente zur Schmerzbekämpfung zu geben, auch wenn dadurch der Tod schneller eintritt. Auch ist es erlaubt, lebensverlängernde Maßnahmen nicht einzusetzen oder auch einzustellen, wenn eine Besserung des Zustandes eines Sterbenden nicht mehr zu erwarten ist.

Niemand muss also unter körperlichen Schmerzen sterben, niemand muss künstlich am Leben erhalten werden, wo das Sterben bereits angefangen hat oder schon vorangeschritten ist.

Und dennoch denkt so mancher: “Dann lieber schnell und schmerzlos sterben und alles ist vorbei“ Lieber nicht noch mal an den wunden Punkten seines Lebens, den Versäumnissen und Zerwürfnissen, den erlittenen und zugefügten Verletzungen rühren.

Aber, liebe Gemeinde, der schnelle Tod gilt schon in der Antike nicht als der schöne Tod. Euthanatos -also ein guter Tod - wird dort gestorben, wo Menschen Zeit und Raum finden, ihr Leben würdig zu Ende zu bringen, wo Platz geschaffen wird, sich von den Liebsten, Verwandten und Freunden bewusst zu verabschieden.

Der Euthanatos – der gute Tod -kann gestorben werden, wo die Gesellschaft nicht wegschaut, sondern Sterbenden und Angehörigen Möglichkeiten eröffnet, die letzten Dinge eines zu Ende gehenden Lebens soweit wie möglich zu klären. Theologisch gesprochen ist das die Möglichkeit, am Ende eines Lebens Versöhnung erleben zu dürfen und mit einer Hoffnung auf  Erlösung hin sterben zu dürfen, ja sein Leben am Ende ganz bewusst in Gottes Hand zurückgeben zu können.

Nach meiner Erfahrung sterben Menschen, die diese Möglichkeiten erhalten friedlich und wirklich erlöst.

Ich habe in der letzten Zeit in unserem Haus Sterbende erlebt, die sich mit zunehmender Unterstützung von Pflegekräften, Ärzten, Hospizhelfern oder durch Seelsorge ganz bewusst auf ihren Tod vorbereitet haben. Menschen, die die letzten Tage ihres Lebens genutzt haben, bewusst Abschied zu nehmen und die gerade in ihrem Sterben ihren Angehörigen und auch den Pflegenden noch sehr viel gegeben haben. Eben weil Dinge noch einmal ausgesprochen werden durften, weil noch einmal gegenseitiger Schuld gesprochen werden konnte und Liebe spürbar wurde.

Der Tod war, ist und bleibt immer noch eine traurige Sache. Aber inmitten von Trauer und Leid erlebe ich mehr und mehr unter solchen Bedingungen, dass und wie Hoffnung, Glaube und Kraft wachsen.

Der Auftrag für ein diakonisches Krankenhaus ist genau dieser, nämlich Leben zu erhalten und gleichzeitig das Ende des Lebens zu akzeptieren, und diesem Gedanken auch Ausdruck durch konkretes Handeln zu verleihen. Der in unserem Krankenhaus angesiedelte Hospizverein ist ein Ausdruck diakonischen Denkens und Handelns.

Nach 10 Jahren großen ehrenamtlichen Engagements vieler Menschen, wird heute sichtbar, dass sich die Bemühungen um eine andere Sterbekultur gelohnt haben. Zu einer solchen Kultur des Sterbens gehört, dass der Tod nicht mehr ausgeblendet wird aus unserem Leben sondern mitten unter uns sein darf. Dass Sterbende und ihre Angehörigen Begleitung und Hilfe in Anspruch nehmen können, damit ein würdevoller – ein guter Tod – am Ende eines Lebens steht.

Zu einer solchen Sterbekultur gehört auch die Ermutigung von Pflegenden, Ärzten und Therapeuten, einem guten Tod seinen Platz einzuräumen.

Wir haben heute wirklich viele, viele gute Gründe, dankbar zu sein für das segensreiche Wirken des Hospizvereins in den letzten 10 Jahren, aber auch dürfen wir dankbar dafür sein, dass die Leitung unseres Krankenhauses hier vor Ort und auch im Diakonieverein Berlin Zehlendorf den Hospizverein stets als Ausdruck diakonischen Handelns unterstützt hat.

Und zuletzt dürfen wir heute dankbar sein, dass wir das Elisabethzimmer in unserem Krankenhaus seiner Bestimmung übergeben dürfen als einem Raum, in dem Platz und Zeit ist, würdevoll Abschied nehmen und sterben können.

Dieser Raum erhielt seinen Namen nach der Heiligen Elisabeth von Thüringen, die durch ihr Handeln und ihre Zuwendung Armen, Hungernden, Leidenden und nicht zuletzt Sterbenden eine neue Würde, Trost und Hoffnung geschenkt hat.

Der Rotenburger Bildhauer Martin Schaub hat ihr Wirken durch die Schaffung der Skulptur aufgegriffen, die er gleich enthüllen wird.

Möge auf die betrachtenden Menschen stets etwas von der Freude und der Zuversicht der Heiligen übergehen, und möge sie über sich selbst hinausweisen auf den Ursprung unseres Handelns, auf Jesus Christus, der uns zuspricht: Ich lebe und Ihr sollt auch leben.

Amen

 

Lassen Sie uns mit einem irischen Segensgebet in diesen Tag hineingehen:

Mögen Deine Hände so zahlreich sein, wie die Gäste an Deinem Tisch, damit Du jedem eine Hand ausstreckst, die gibt, wonach ihn hungert und wonach er Durst verspürt.

Mögest Du so viele Herzen haben wie Menschen an Deinem Tisch Platz finden. Damit jedes Herz für einen anderen schlägt und aus jedem Herzen ein Wort kommt, das den anderen tröstet und glücklich macht.

Denn einer war da und teilte, und alle wurden satt.

 

Es segne Euch Gott der Allmächtige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen

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